Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir,
mein Seufzen war dir nicht verborgen.
Ps 38,10 (E)


Auf einmal ist sie da. Vielleicht hängt sie noch dran am letzten Traumzipfel ganz früh am Morgen und nimmt mein Innerstes in Beschlag: die Sehnsucht.

Eingeladen habe ich sie nicht, und so wie ich sie kenne, hält sie auch nichts von langfristigen Vorankündigungen. Sie nutzt ganz unterschiedliche Wege und Schlupfwinkel, um mich zu erreichen:
Manchmal braucht sie nur ein paar Takte einer schon lange nicht mehr gehörten Melodie – und schon sitzt sie mitten in meiner Seele. Bilder benutzt sie auch gerne oder Farben am Himmel. Geschickt nutzt sie den Klang von Fremdsprachen oder dem vertrauten Dialekt von zuhause, um mich an meine Sehnsuchtsorte zu erinnern.
An Festtagen taucht sie auch gerne auf und lässt mich nach einem Wiedersehen sehnen mit all denen, die nicht mehr da sind.

Sehnsucht, habe ich dich überhaupt hereingebeten in mein Leben?
Wer hat dir erlaubt, dich in meine Seele einzuschleichen?

Und wenn du schon mal da bist: was fange ich denn jetzt mit dir an?
Mitten im Arbeitsalltag kann ich dich eigentlich gar nicht brauchen. Da bist du mir irgendwie zu aufdringlich.
Lass mich doch in Ruhe, ich kann mich sonst nicht konzentrieren!

Sehnsucht … bist du noch da?
Habe ich dich jetzt ganz verschreckt?
Das wollte ich nun auch wieder nicht. Irgendwie gehörst du doch zu mir dazu. Zum Briefe-Schreiben kann ich dich ganz gut brauchen, zum Singen auch und vor allem lässt du mich spüren, wie verbunden ich mit deinen Freundinnen und Freunden bin: mit der Erinnerung an Menschen und Zeiten und Orte, mit geschriebenen Worten und der lebendigen Schöpfung - du bringst sie mir alle mit herein.

Sehnsucht, manchmal bringst du mich richtig zum Seufzen. Nicht immer nur unhörbar.
Ist es das, was du willst? Dass ich seufze, schon früh am Morgen oder mitten am Tag oder wenn es Abend wird?

So langsam habe ich da eine Ahnung: Sehnsucht, dir geht es ja gar nicht nur um dich selbst.
Sicher, du willst von mir beachtet werden. Doch du führst mich noch einen Schritt weiter:

Wo ich dich spüre, da ist noch jemand mit dabei.
Da ist einer, der mich kennt mit all meinem Sehnen.
Einer, vor dem ich keinen Seufzer verstecken muss.

Mein Herr und mein Gott.

Himmlischer Vater, weil du da bist und mich kennst und liebst mit all meinem Sehnen,
deswegen kann auch ich diese jahrhundertealten Worte mitsprechen im Gebet:

„Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir,
mein Seufzen war dir nicht verborgen.“ (Ps 38,10)


Anja Müller